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1984 (6) Issue 2


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Trotz ihrer disparaten Titel lassen sich die Beiträge in diesem Heft einem gemeinsamen Thema zuordnen: es geht um die Gültigkeit der einheitswissenschaftlichen These. Mit dieser These wird bekanntlich die Auffassung formuliert, daß es zwischen naturwissenschaftlichen und geistes- oder sozialwissenschaftlichen Methoden keinen grundsätzlichen Unterschied gibt, bzw. - normativ gewendet - keinen grundsätzlichen Unterschied geben soll. Ursprünglich wurde diese These nahezu selbstverständlich als mehr oder weniger eindringliche Mahnung an die Adresse der Sozialwissenschaften verstanden, ihre Methoden und Verfahrensweisen strikt an dem Vorbild der exakten und erfolgreichen Naturwissenschaften zu orientieren. Hintergrund und Grundlage dieser selbstbewußten Forderung war ein idealisiertes Bild von den Naturwissenschaften, nach dem der Naturwissenschaftler über experimentell überprüfte, quantifizierte Theorien verfügt, in denen alle Begriffe und Gesetze präzise operationalisiert und in einen logisch kohärenten, deduktiven Zusammenhang gebracht sind. Wissenschaftlicher Fortschritt stellt sich in diesem Bild dar als unaufhaltsames Anwachsen unseres Wissens und unserer Sammlung verifizierter Erkenntnisse über die Welt: objektive und eindeutige methodische Regeln garantieren, daß gute Theorien von besseren abgelöst werden und wir uns schrittweise Wahrheit und Gewißheit nähern.

Dieses Bild von den Naturwissenschaften ist in den letzten Jahrzehnten in vielen Teilen korrigiert worden: die Analyse theoretischer Begriffe, gesetzesartiger Aussagen und vor allem auch der Methoden der Überprüfung und Falsifikation von Theorien hat deutlich gemacht, daß Vagheit, Offenheit und die Mehrdeutigkeit methodologischer Prinzipien auch in den naturwissenschaftlichen Disziplinen keine Ausnahmeerscheinungen, sondern im Gegenteil unumgängliche, weil mit wichtigen Vorteilen (z. B. Flexibilität und Variabilität) verknüpfte Eigenschaften jedes wissenschaftlichen Forschungsprozesses sind. Vor allem die Tatsache, daß empirische Theorien einer gewissen Allgemeinheitsstufe gegenüber widerstreitenden Tatsachen und Fakten weitgehend immunisiert sind, so daß eine empirische Überprüfung solcher Theorien jedenfalls in einem strengen Sinn nicht mehr möglich ist, hat zu der Einsicht geführt, daß auch die naturwissenschaftlichen Forschungsmethoden nicht als Königsweg zu endgültiger Wahrheit und Gewißheit angesehen werden können.

Solche Korrekturen an dem Bild der Naturwissenschaften schützen die Sozialwissenschaftler heutzutage besser als früher vor allzu arroganten Vorhaltungen des ehemaligen Lehrmeisters aus eigenen Gnaden, die einheitswissenschaftliche These hat deshalb viel von ihrem bedrohenden Alleinvertretungsanspruch verloren. Überspitzt könnte man sagen, es sei heutzutage unklar geworden, welche Disziplin im Sinne dieser These die Vorbild- funktion eigentlich übernehmen solle. Viele Geistes- und Sozialwissenschaftler ziehen nun aber in der Tat fragwürdige Konsequenzen aus der beschriebenen Entwicklung, etwa indem sie einen willkürlichen Relativismus postulieren oder den Anspruch auf Objektivität und empirische Nachprüfbarkeit als ,überholt, und ,positivistisch, zurückweisen. Solche Auffassungen verkennen die wichtige Rolle, die begriffliche Präzision und intersubjektive Kontrollierbarkeit weiterhin in allen Wissenschaften spielen müssen. Es darf deshalb nicht um eine apodiktische Gegenüberstellung wissenschaftlicher Disziplinen und Methoden gehen oder um einen Verzicht auf methodologische Rationalität und Kontrolle, sondern um eine detaillierte Analyse und Rekonstruktion einzelwissenschaftlicher Verfahren, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten genauer und unvoreingenommener als bisher lokalisieren zu können. Das Ergebnis eines solchen Vorgehens wird dann häufig weder eine eindeutige Bejahung noch eine eindeutige Ablehnung der einheitswissenschaftlichen These sein, sondern eher zu ihrer Partikularisierung führen, indem Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf einzelne Bereiche und auf besondere Hinsichten spezifiziert werden müssen - dabei kann es dann zu neuen, überraschenden Konstellationen und Koalitionen kommen: möglicherweise haben etwa Metereologie und Hermeneutik eine nähere Verwandtschaft als Metereologie und Physik.

In diesem Sinne lassen sich die drei folgenden Artikel als Beiträge zur Diskussion über die einheitswissenschaftliche These verstehen. Sie gehen aus von dem Primat methodologischer Rekonstruierbarkeit und dem Anspruch auf intersubjektive Kontrolle, die für jede wissenschaftliche Disziplin gelten müssen. Die Frage, inwieweit diese gemeinsame Grundlage auch zu Gemeinsamkeiten in den jeweiligen Methoden und Verfahren führen muß, versuchen die Beiträge im Hinblick auf drei verschiedene Problemstellungen zu beantworten:

  • dem Prozeß des Verstehens;
  • der Subsumtion von Ereignissen unter Gesetzesaussagen;
  • dem Begriff der genetischen Erklärung.

Die im vorigen Heft angekündigten Beiträge von Kai Nielsen, Gerald Doppelt und Alasdair Maclntyre können aus technischen Gründen erst im nächsten Jahrgang von ANALYSE & KRITIK erscheinen.

 

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