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2003 (25) Heft 2

Legitimationsprobleme der Globalisierung

 


Editorial | Inhalt | Abstracts

Im Jahr 2000 entsprach der Anteil aller grenzüberschreitend gehandelten Waren und Dienstleistungen mehr als einem Viertel des weltweiten Angebots, während es noch 1970 nur etwa 10% waren. Zugleich 'globalisierte' sich in rapider Geschwindigkeit der Aktionsradius vieler Unternehmen. Allein im Jahr 2000 investierten diese Unternehmen 1,3 Billionen Dollar über Grenzen hinweg. Gemessen an ihren Umsätzen ist inzwischen eine Gruppe von etwa 15 Unternehmen kapitalstärker als die 60 ärmsten Staaten der Welt. Diese und andere Entwicklungen sind das Ergebnis der in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts erfolgten Öffnung vieler Länder für ungehinderten internationalen Warentausch, ein Prozess, der sich mit der Auflösung der gegenseitig abgegrenzten Ost-West-Blöcke noch beschleunigte. Inzwischen ist "Globalisierung" ein Stichwort für einen empirisch wie theoretisch nur mehr schwer überschaubaren, vor allem aber auch hoch ideologisierten Prozess geworden.

Der Prozess der Internationalisierung der Märkte in seinen bisherigen und noch erwartbaren Stadien ist komplex genug, um so kontroverse, ja unversöhnliche Prognosen und Bewertungen hervorzurufen, dass man sich nicht selten an den nahezu vergessenen Systemkampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus erinnert fühlt. So verbinden die Befürworter dieser Entwicklung wirtschaftsoptimistische Erwartungen mit liberalistischen Rechtfertigungsszenarien und erwarten von der zunehmenden Öffnung und Expansion der Märkte ökonomisches Wachstum und eine effizientere Ressourcen- und Arbeitskraftnutzung. Dabei knüpft sich an die Aussicht auf rasche Wohlstandssteigerung neben den unmittelbaren Zielen der Beseitigung von Armut und Hunger die Hoffnung auf eine internationale Friedenspolitik, eine Dämpfung der weltweiten ,Bevölkerungsexplosion, und, daran gekoppelt, bessere Erfolgschancen für eine weltweite Klimapolitik. Die Kritiker verweisen dagegen auf die negativen Rückwirkungen der Globalisierung auf regionale Arbeitsmärkte, die Tendenz des politischen Kontrollverlusts über internationale Konzerne, das problematische Übergewicht der Finanzmärkte vor der Produktion und insbesondere die in mancherlei Hinsicht kritisch zu bewertende Währungspolitik des Internationalen Währungsfonds (IWF). Gegen die Politik des IWF, viele Entwicklungsländer in eine übereilte und einseitige Öffnung ihrer Märkte hinein zu zwingen, richtet sich die Kritik derjenigen Globalisierungskritiker, die einen politisch regulierten, fairen und den historisch und kulturellen Umständen angemessenen Übergang zum Weltmarkt fordern.

Die Beiträge in diesem Heft beteiligen sich an der Debatte über Globalisierung aus verschiedenen wissenschaftlichen und politischen Perspektiven. Bruno S. Frey verbindet eine wirtschaftsoptimistische Haltung gegenüber den Chancen der Globalisierung mit einer Kritik an den einseitig von Finanzinteressen beeinflussten Aktivitäten von Weltbank, IWF und WTO. Anders als viele Globalisierungskritiker stellt Frey jedoch seinerseits ein marktähnliches Modell von Gebietskörperschaften vor, die nach seinem Vorschlag in nationalem wie internationalem Maßstab politische Funktionen übernehmen sollen. Förderale Netze dieser Körperschaften sollen an die Stelle ineffektiver Weltbürokratien treten.

Gerhard Wegner sieht die legitime Entscheidungsbefugnis über nationale Reaktionen auf ökonomische Herausforderungen im Zuge der Globalisierung nicht bei den Parlamenten, sondern aus einer vertragstheoretischen Perspektive bei den einzelnen Individuen. Auf der Grundlage dieses Modells will Wegner globalisierungsbedingte Entwicklungen normativ bewerten. So interpretiert er etwa die Konkurrenz von inländischen und importierten Waren als einen Ausdruck souveräner Konsumentenentscheidungen, die die Politik zu respektieren habe. Gemeingutpräferenzen müssten fortwährend einer Art Monitoring unterzogen werden, wofür Wirtschaftaktivitäten besser geeignet seien als politische Willensbekundungen.

Multinationale Konzerne politisch einzubinden ist eine naheliegende Forderung. Andreas Scherer schildert in seinem Beitrag, welche Schwierigkeiten einer solchen ,moralpolitischen, Forderung, wie etwa dem Ruf nach Ethikcodes oder Menschenrechtskontrollen bei Betrieben in Entwicklungsländern, entgegenstehen. Multinationale Firmen stehen Scherer zufolge im Konflikt, regionale Anspruchshaltungen ebenso berücksichtigen zu müssen wie die aktuelle westliche Selbstkritik an der eigenen Moral. Ethische Rahmenbedingungen weltweiter Produktion könnten deshalb seiner Meinung nach nur aus den Rahmenbedingungen der entsprechenden regionalen Märkte und Produktionsverhältnisse selbst gewonnen werden.

Andrew Kuper verstärkt in seinem Beitrag die skeptischen Tendenzen in Scherers Auseinandersetzung mit dem Konzept moralischer Firmenpolitik. Er hebt in Abgrenzung zu Vorschlägen von Habermas und Goodin die Schwierigkeiten hervor, die in multikulturell erweiterten internationalen Gemeinschaften der politischen Konsensbildung entgegenstehen. Deliberative Demokratie ist seiner Meinung nach ein zu idealrationalistisches Konzept, um den konkreten Politikverständnissen ge-recht zu werden.

Regina Kreide, Thomas Pogge und Peter Singer, zu dessen jüngstem Buch "One World. The Ethics of Globalization" dieses Heft drei Kommentare sowie eine Replik Singers enthält, eint die Überzeugung, dass die einseitig ökonomisch vorangetriebene Globalisierung durch moralisch gestützte politische Regularien korrigiert werden muss. Alle drei Autoren unterscheiden sich allerdings in ihren ethischen Argumenten sowie ihren politischen Forderungen. Kreide ist der Meinung, dass mit zunehmender weltweiter Interaktion positive und nicht nur negative moralische Pflichten entstehen, deren soziale Repräsentation nicht-staatlichen Organisationen überantwortet werden sollte. Pogge unterzieht die These der rein innerstaatlich verursachten Armut einer scharfen Kritik und plädiert für ein internationales Umverteilungssystem. Frank Dietrich, Thomas Kesselring und Michael Schefczyk diskutieren die ethischen Grundlagen von Singers Buch und beleuchten Schwachstellen seiner Analysen und Vorschläge. Das Heft schließt mit einer Antwort von Singer auf seine Kritiker.

 

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