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1998 (20) Heft 1

Milgram und die Täter des Holocaust

 


Editorial | Inhalt | Abstracts

Stanley Milgrams Entdeckung, in welch erstaunlichem Ausmaß durchschnittliche amerikanische Bürger bereit waren, unbekannten Mitmenschen auf Anordnung einer wissenschaftlichen Autorität schwere Elektroschocks zu verabreichen, hat in den 60er und 70er Jahren über die Sozialwissenschaften hinaus für Aufsehen gesorgt. Heute sind Milgrams Experimente in jeder Standardeinführung in die Sozialpsychologie nachzulesen. Milgram war für diese Experimente auch durch den Holocaust motiviert worden. Ohne selbst historische Studien anzustellen, war er der Meinung, daß eine 'situationelle' Erklärung ebenso für die meisten Täter im Holocaust zutreffen müsse. In Übereinstimmung mit H. Arendts These von der 'Banalität des Bösen' schien ihm das Verhalten A. Eichmanns innerhalb einer als normal akzeptierten mörderischen Gesellschaft mit seiner eigenen Theorie gut zu harmonieren. Eine tiefergehende Konfrontation der experimentellen Ergebnisse Milgrams mit der historischen Forschung war in den 60er Jahren jedoch unmöglich. Die extremste Folgerung aus Milgrams Experimenten, daß eine staatlich legitimierte und organisierte Massenvernichtung im Prinzip an allen Orten der Erde jederzeit wiederholbar sein könnte, weil sie in einer allgemein-menschlichen Gehorsamsneigung angelegt sei, konnte so nicht eigentlich wiederlegt werden.

Die Unmöglichkeit einer Konfrontation beruhte vor allem auf dem schwachen Stand der historischen Erforschung der Täter im Holocaust. Mit Ausnahme der Beschäftigung mit berühmten Figuren bestand bis in die 80er Jahre kein vorrangiges Interesse an Täterforschung. Insbesondere in Deutschland hatte die nach 1968 stark politisierte Analyse des Nationalsozialismus die Ebene der vielen Einzeltäter, ihre biographischen und weltanschaulichen Hintergründe sowie die soziokulturelle Bedeutung des Antisemitismus vor 1933 zugunsten globaler Strukturtheorien - vor allem zur Verbindung von Kapitalismus und Faschismus - weitgehend vernachlässigt. Auch die danach folgenden Kontroversen über 'Intentionalismus vs. Strukturalismus' oder über die Vergleichbarkeit oder Einmaligkeit des Holocaust (der sog. 'Historikerstreit') trugen zum Verständnis des auf viele Tätergruppen verteilten Massenmordes sowie der Kriegsverbrechen der Wehrmacht nichts bei. Erst in den 80er Jahren begann schrittweise das systematische Studium der deutschen Besatzungspolitik im Osten, wie der Aktivitäten der speziell für die Judenvernichtung aufgebotenen 'Einsatzgruppen' und der 'Ordnungspolizei'.

Je detaillierter die Motive und Handlungen der Mitglieder dieser Gruppen beschrieben wurden, wie in der wegweisenden, 1992 erschienenen Untersuchung des amerikanischen Historikers Christopher Browning, Ganz normale Männer, umso dringender schien wiederum auch eine sozialpsychologische Erklärung des Täterverhaltens. Browning erinnerte in diesem Zusammenhang als erster wieder an die Analysen Milgrams. Daniel Goldhagen hat 1996 mit seiner aufsehenerregenden Publikation die Relevanz dieser Analysen rundweg bestritten, um an ihre Stelle gewissermaßen eine nationalkulturelle Erklärung anhand eines aggressiven deutschen Antisemitismus zu setzen. Goldhagens Globalthese hat der wissenschaftlichen Kritik nicht standgehalten. Sein Verdienst ist es aber, das Desiderat einer ausstehenden, komplexeren Erklärung des Täterverhaltens noch einmal verdeutlicht zu haben.

Die Artikel in diesem Heft versuchen in verschiedener Weise auf diese Herausforderung zu antworten. Die Historiker Thomas Sandkühler und Hans-Walter Schmuhl geben einen Überblick zur Kontroverse zwischen Browning und Goldhagen, erläutern aber auch die Hindernisse, die einer zeitgenössischen Rezeption Milgrams durch die Historik im Wege standen. Was die systematische Indienstnahme des Milgram-Experiments betrifft, machen Sandkühler und Schmuhl den Vorschlag, es nicht wie Milgram universell, sondern soziohistorisch-partikular zu verstehen, um so die jeweils spezifischen lokalen Autoritätsstrukturen zu entdecken. Jeanette Schmid hebt, diesmal aus der Sicht der Psychologie, den Fortschritt hervor, den die Milgram-Forschung gegenüber der zuvor üblichen Pathologisierung der Täter bedeutet hatte. Während die Gerichtspsychiater im Rahmen der Nürnberger Prozesse den keineswegs durchgängig pathologischen Persönlichkeiten im Grunde ratlos gegenüberstanden, bot Milgram eine viel erklärungsstärkere, weil universell ansetzende Theorie. Thomas Blass erhellt die biographischen Hintergründe, die Milgram zu seiner Forschung motiviert hatten, während er Vorsicht gegenüber Milgrams vereinfachenden Äußerungen über Nazideutschland signalisiert. Detaillierte Kritik formulieren Allan Fenigstein und David Mandel. Am Verhalten der Polizisten, wie es bei Browning beschrieben wird, hebt Fenigstein das Fehlen moralischer Konflikte und die risikolose Möglichkeit der Verweigerung hervor. Mandel zeigt, daß das Verhalten der Ordnungspolizisten in relevanten Punkten von dem Verhalten der Versuchspersonen in den Milgram Experimenten stark abweicht. Mandel verdeutlicht außerdem die moralische Entlastungsfunktion, die eine pauschale Übertragung der Erklärung von Milgram leicht annimmt. In dem Artikel von Alexander Kochinka und Jürgen Straub wird Milgrams theoretisches Konstrukt, der sog. 'Agens-Zustand', als eine Form von Dämonisierung interpretiert, die mit jeder reduktiv verfahrenden Ansatzweise verbunden sei. Kochinka und Straub beabsichtigen dagegen eine multifaktorielle Erklärung, die neben den Milgramschen Elementen Gehorsamsbereitschaft und Gruppendruck eine Reihe weiterer Faktoren, wie auch solche einer veränderten 'rassistischen Moral', berücksichtigen würde.

 

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