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1984 (6) Heft 1

Symposium über Alasdair MacIntyres, "After Virtue"

 


Editorial | Inhalt | Abstracts

Das vorliegende Heft ist fast ausschließlich einer Diskussion über Alasdair MacIntyres Buch After Virtue gewidmet. Der Grund dafür besteht nicht nur darin, daß After Virtue in der angelsächsischen Philosophie z. Z. eines der meist diskutierten moralphilosophischen Bücher ist, sondern vor allem auch in seinem interdisziplinären Ansatz, durch den die Grenzen zwischen normativer Ethik und empirisch-theoretischer Sozialwissenschaft überschritten werden sollen.

Hauptmotiv von After Virtue ist die Suche nach einer "objektiven", moralische Fragen intersubjektiv verbindlich entscheidenden Ethik. Soweit befindet sich Maclntyre innerhalb der aktuellen Moralphilosophie in guter Gesellschaft. Unorthodox und provozierend ist seine Konzeption aus zwei Gründen. Erstens sind für ihn die Geschichte der Moralphilosophie und die Fakten der außerphilosophischen Moral wesentliche Bezugspunkte für eine gehaltvolle ethische Theorie. Zweitens versteht er Moralphilosophie als repräsentativen Ausdruck der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse und hält deshalb Soziologen wie Weber und Goffman moralphilosophisch für ebenso aufschlußreich wie Philosophen wie Stevenson und Rawls. lnsbesondere die herkömmliche Abgrenzung von Ethik und Soziologie als Folge der Aufklärung ist nach Maclntyre ebenso verfehlt wie das "Projekt" der Aufklärungsethik selbst. Maclntyres Überlegungen beziehen also ihren Reiz aus dem Zusammenspiel von mindestens drei Ebenen: der Problemstellung einer Ethik, die für moralische Argumente eine intersubjekttve Basis finden will; eines historischen Erklärungsversuchs für den Zustand unserer gegenwärtigen Moral; und schließlich der Verwendung soziologischer Theorien im Zusammenhang moralphilosophischer Argumentation. Für die Soziologie ist Maclntyre darüberhinaus interessant, weil er untersucht, welche moralischen Einstellungen und Prinzipien in bestimmten gesellschaftlichen Strukturen eingeschlossen und von bestimmten soziologischen Theorien vorausgesetzt werden, und weil er außerdem kritische Überlegungen zum Gesetzesanspruch der Sozialwissenschaften anstellt.

Maclntyres Argumentationsweise in "After Virtue" ist nicht analytisch, sondern historisch, obwohl auf der letzten, bislang nur skizzierten Stufe - einer von Aristoteles inspirierten Tugendethik - analytische Mittel verwendet werden. Drei geschichtliche Abschnitte spielen eine besondere Rolle: Aristoteles, die Aufklärungsethik und die analytische Ethik des 20. Jahrhunderts. Maclntyre will zeigen, wie die Aufklärungsethik aus einer verstümmelten aristotelischen Tradition heraus zugleich entstanden und auf ein uneinlösbares Programm festgelegt worden ist. Die analytische Ethik von Moore bis Hare und Rawls ist ihrerseits nur Folge und Erneuerung derselben Problemsituation, aus der bereits die Klassiker der Aufklärung keinen Ausweg weisen konnten. Symptom dieser Unfähigkeit, die verbliebenen Bruchstücke der aristotelischen Tradition neu zusammenzufügen, ist mangelnder moralischer Konsens: im moralischen Bewußtsein des Alltags, unter den politischen Gruppen und Parteien, und natürlich innerhalb der Moralphilosophie selbst. Das Projekt der Aufklärungsethik ist gescheitert, weil es keine moralischen Mittel gefunden hat, die freigesetzten Interessen autonom gewordener Individuen wieder miteinander zu harmonisieren. Aufgrund des historischen Bruchs, den die Aufklärungsethik gerissen hat, gibt es keine andere Alternative zu Nietzsches Antimoralismus als die Rückkehr zu einem Zustand vor diesem Bruch und damit zur aristotelischen Tradition. In welchem Sinn diese Rückkehr unseren veränderten sozialen, und damit auch psychischen und moralischen Bedingungen gerecht werden kann und wie sie genauer beschaffen sein soll, hat Maclntyre in After Virtue nur umrissen, immerhin aber genügend verdeutlicht, um eine ausführliche Grundsatz- und Einzelkritik auszulösen, zu der im vorliegenden Heft, auch zu anderen Teilen von Mac Intyres Argumentation, neue hinzukommt. Das nächste Heft wird diese Diskussion durch Aufsätze von Kai Nielsen und Gerald Doppelt, sowie eine Replik von Alasdair Maclntyre fortsetzen.

 

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