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1981 (3) Heft 1
Editorial | Inhalt | Abstracts
1. Zur programmatischen Konzeption von ANALYSE & KRITIK gehört der Versuch, eine Verbindung zwischen der Tradition der analytischen Philosophie und Wissenschaftstheorie und den kritischen Sozialwissenschaften herzustellen. Diese Absicht setzt voraus, daß die analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie zumindest tendenziell als ein einheitliches Gebilde betrachtet werden kann, das von integrierenden Prinzipien und einer fortschreitenden Problemlösungstradition geprägt wird. Nur wenn das der Fall ist, kann man erwarten, daß die in der analytischen Philosophie entwickelten Methoden und gewonnenen Einsichten für die Einzelwissenschaften fruchtbar zu machen sind und man sie nicht beliebig gegen ein anderes philosophisches Fundament austauschen kann.
Die historische Entwicklung der analytischen Philosophie in diesem Jahrhundert ist jedoch nicht im Sinne eines linearen Fortschritts verlaufen, sondern hat eher zu einer Diffusion von Positionen und Prinzipien geführt. Vor allem in den letzten zehn Jahren sind die unterschiedlichsten Philosophietraditionen im Rahmen der analytischen Philosophie auf originelle Weise erneuert und damit traditionelle Gegensätze, die längst überholt schienen, wieder aktualisiert worden. Diese aktuelle Entwicklung scheint ein günstiges Klima für eine Neubewertung der ursprünglichen Ziele und Methoden der analytischen Philosophie geschaffen zu haben, denn sie erschwert zunehmend das Selbstverständnis der analytischen Philosophie als einer Spielart von Logik. Der amerikanische Pbilosoph Richard Rorty hat in dieser Situation durch sein herausforderndes Buch "Philosophy and the Mirror of Nature" (1979; dt. 1981) der Diskussion die Brisanz eines Grundlagenstreits gegeben.
Der vorliegende Beitrag Rortys versucht, die Hauptthese seines Buches, daß Philosophie keine Disziplin mit absoluten oder auch nur überdurchschnittlichen Gewißheitsansprüchen sein kann, an der Entwicklung der analytischen Philosophie in Amerika seit dem Krieg zu demonstrieren, indem er ihren gegenwärtigen Zustand mit ihren früheren, vom Logischen Positivismus übernommenen Hoffnungen auf eine kanonisierte Form philosophischer und wissenschaftlicher Erkenntnis kontrastiert. Wir halten die Diskussion über seine Einschätzung der Möglichkeiten der analytischen Philosophie und seinen Rückgriff auf europäische Traditionen vor allem auch unter dem Gesichtspunkt ihrer Verbindung mit den Sozialwissenschaften für sehr wichtig und werden die Auseinandersetzung über sie in den nächsten Heften fortsetzen.
2. Als eines der wichtigen aktuellen einzelwissenschaftlichen Probleme der Sozialwissenschaften nannten wir bei der Vorstellung der Zeitschrift die Methodendiskussion in der empirischen Sozialforschung, als repräsentatives Beispiel für diesen Bereich die Inhaltsanalyse. Gegenüber der vorherrschenden quantifizierenden Vorgehensweise in der Inhaltsanalyse skizzierten wir die Vorzüge einer "rekonstruktiven" Methode, die ähnlich wie die Linguistik die Fähigkeiten eines kompetenten Sprechers, Lesers, Akteurs usw. nachzeichnet (vgl. ANALYSE & KRITIK 1 /79, 19f.). Insofern die strukturale Texttheorie eine stark an der Linguistik orientierte Disziplin ist, nehmen die in diesem Heft vorgelegten Beiträge zum Verhältnis von Inhaltsanalyse und Texttheorie den Grundgedanken dieses Vorschlags auf. Zur Debatte steht dabei, ob es sich bei den Alternativen zu den üblichen Methoden der Inhaltsanalyse um echte Alternativen handelt, ob sich unterschiedliche Verfahren verbinden oder ergänzen lassen, oder ob vielleicht beide Disziplinen so völlig verschiedene Gegenstände haben, daß eine weitere Integrationsbemühung uninteressant erscheint. Das vorliegende Heft vermag zur Beantwortung dieser Fragen nur erste Hinweise zu geben. Sie sollen aber weiter verfolgt werden.
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